Begegnungen (2014)

Produktion: Begegnungen - Interkulturelle Werkstatt e.V. Frankfurt

Produktion: Begegnungen von der Interkulturellen Werkstatt e.V. Frankfurt am Main

 

Das Interkulturelle Theaterprojekt: Begegnungen – Many ways to meet different cultures 2014

Wir sind uns alle nicht so unähnlich!“

Im Dezember 2013 starten wir im Rahmen unseres neu gegründeten Vereins „Interkulturelle Werkstatt e.V.“ das Theaterprojekt „Begegnungen“. Flüchtlinge und Migranten arbeiten biografisch an ihrer Lebens-und Migrationsgeschichte. Sie spüren ihrer eigenen Geschichte nach um gemeinsam die kulturellen Ressourcen, die alle aus ihren Heimatländern mitbringen, zu aktivieren. Die biografische Theaterarbeit soll Migranten und Flüchtlinge aus ihrer Opferrolle herausholen, ihnen neues Selbstwertgefühl und Ideen und Perspektiven für ihre Zukunft entwickeln. Selbstbewusstsein und Kommunikationsfähigkeit, selbständig werden und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bekommen. Sie sollen sich dabei kulturelle und soziale Kompetenzen erarbeiten, neben dem Erlernen der deutschen Sprache. Die heterogene Zusammensetzung der Gruppe aus verschiedenen Kulturen und Religionen bekommt eine zentrale Bedeutung und eigene Dynamik: Offenheit, Neugier, Toleranz und Bereitschaft, sich mit anderen Kulturen auseinander zu setzen und Unterschiede zu respektieren. Mit Theater, Tanz und Musik soll eine szenische Collage entwickelt und einem breiten Publikum präsentiert werden.

Sechs Frauen aus der Türkei, dem Iran, Eriträa und Tobago Trinidad, die schon seit vielen Jahren in Deutschland leben, treffen auf fünf männliche Flüchtlinge aus Nigeria, Ghana und Libyen, aus dem Kreis der „Wir für 22“ -Gruppe und 5 deutsche Frauen und Männer.

Ein gastfreundschaftlich, wohlmeinend gestaltetes gemeinsames Weihnachtsessen, eine große Pute, Rotkohl und Knödel soll den Erstkontakt herstellen. 15 Menschen, in bunter Vielfalt sitzen um einen weihnachtlich gedeckten Tisch mit Kerzenlicht und Weihnachtsschmuck. Der Weihnachtsbaum glänzt. Überzeugt von der Schönheit unserer christlichen Tradition müsste ja ein Funken auf unsere ausländischen Gäste überspringen. Doch das ist nicht der Fall, wir fremdeln alle.

Das Essen wird nur von uns Deutschen goutiert: alle Afrikaner finden keinen Wohlgefallen an deftiger deutscher Küche. Die Männer begnügen sich mit einige Stücken Pute. Den Frauen fehlen orientalische Gewürze wie Kardamon, Koriander und Curry.

Erst im 2.Teil des Abends, bei Gesang und Tanz schmilzt das Eis. Bei Masithi Amen, We are the world und Black or White spüren wir: Wir sind uns doch ähnlich und eine freudige Stimmung kommt auf. Der erste Kontakt ist hergestellt.

Unsere Theaterarbeit findet in einer evangelischen Kirche statt. Die muslimischen Mitwirkenden gewöhnen sich schnell an den Kirchenraum. Christliche Symbole werden erklärt. Alle fühlen sich wohl. Von den Afrikanern ist die Mehrzahl christlichen Glaubens. Die Migranten sehen sich als „moderne Muslime“, die Frauen tragen kein Kopftuch, die deutschen Mitwirkenden erleben den Kirchenraum unterschiedlich, wie weit sie eben den Umgang mit Glauben und Kirche pflegen. Aber sie sitzen weiterhin apart.

Ich bin gekommen um zu bleiben!“

Den jungen Ghanaer Abu Bakar – er weiß nur, dass er 1995 geboren wurde – hat es besonders schlimm getroffen. Er wuchs in Libyen auf, kam während der Revolution ins Gefängnis und konnte ausbrechen, so erzählt er. Er ist Moslem. Übers Mittelmeer schaffte er es nach Lampedusa, nach einem Monat im Lager setzte man ihn auf die Straße. „Ich wusste nicht, wohin ich in diesem Europa gehen sollte“, sagt Abu Bakar hilflos. Ein Freund nahm ihn mit nach Deutschland. „Vielleicht würde mein Leben hier einfacher, dachte ich. Aber als ich nach Deutschland kam, war es dasselbe wie in Italien: Ich schlief unter der Brücke.“ Was die Christen hier im Frankfurter Nordwesten für ihn tun, kann der junge Mann kaum glauben. „Seit ich in Europa bin, habe ich noch nie an einem solchen Ort geschlafen“, sagt er mit belegter Stimme. Doch der Schlafplatz in der Kirche ist nur eine Übergangslösung. Wie soll es danach weitergehen? Abu Bakar weiß es nicht. Was er gelernt hat? Football spielen und mit arabischen Buchstaben schreiben. Englisch hat er auf der Straße aufgeschnappt – erstaunlich gut zwar, aber für eine Karriere in Europa wird es wohl nicht genügen. „Ich bin total durcheinander. Ich habe keine guten Voraussetzungen. Wenn du keine guten Voraussetzungen hast, kannst du gar nichts planen.“

Ich freue mich, dass Ihr mich aufnehmt und mir helft mich in Deutschland einzugewöhnen. Ich will sehr schnell deutsch lernen.“

Es ist Gastfreundschaft, Betroffenheit und Mitgefühl

Gastfreundschaft ist einer der ethischen Grundpfeiler Europas. Die christliche Ethik, die christliche Moral zeigt sich in Sätzen wie: „Liebe deinen Nächsten wie dich selber’,“Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan“ oder der Jahreslosung 2015: „Nehmt einander an, wie Christus Euch abgenommen hat.“ „Ich denke, dass es eine Ressource auch für ein politisches Europa ist, sich darauf zu besinnen“ sagt Frau Dr. Friese, Professorin für Interkulturelle Kommunikation, Chemnitz * in einer Radiosendung des Deutschlandfunks am 9.4.2009.

Aber Gastfreundschaft hat auch immer etwas Zwiespältiges: Zum einen ist der Gast ein Freund und soll pfleglich behandelt werden. Zum anderen ist er aber auch ein Störenfried, der den Rhythmus des Hauses und des Alltags durcheinander bringt. Frau Dr. Friese erlebte, wie die Einwohner von Lampedusa den strandenden Flüchtlingen aus Afrika mit eben jener Gastfreundschaft begegneten. Ehrenamtlich und mit großem Engagement kümmerten sich vor allem junge Leute um die Flüchtlinge, die zum Teil in den Familien untergebracht und bewirtet wurden. Als Mitte der 90er Jahre immer mehr Asylsuchende kamen, wurde die Sorge um die Flüchtlinge zu einer staatlichen Aufgabe und auch ein Wirtschaftsfaktor. „Nicht nur Menschenhändler und Schlepper machen ihr Geschäft mit den Flüchtlingen, oft werden sie illegal auf dem Festland weitergereicht und als Tagelöhner auf Obst- und Gemüsefeldern zu Niedriglöhnen eingesetzt. Einerseits zieht Europa die Zugbrücke hoch, andererseits werden genügend Illegale hereingelassen, um den Arbeitsmarkt bedienen zu können. „Lampedusa ist ein Testgelände für unsere Selbstdefinition als Europäer, für unser Verständnis von Europa. Dieser Fels im Mittelmeer ist so etwas wie ein Brennglas. Hier entscheidet sich, ob Europa seine Werte ernst nimmt oder sie verrät.“ sagt Frau Dr. Friese in einem Interview mit der Zeitung Der Tagesspiegel vom 26.1.2009.

Fremdheit, Unsicherheit, Ängste, andere kulturelle Gepflogenheiten

German time, please!“ Nachdem wir mehrere Male lange gewartet haben, um unsere Arbeit zu beginnen, immer wieder witzelten, dass es nun mal „african time“ ist, ruhig eine Stunde später zu kommen, fordern wir es mittlerweile ein. In unserer Gruppe haben wir wir „german time“ und das bedeutet möglichst pünktlich erscheinen. Überhaupt erfahren wir, wie unterschiedlich der Umgang mit der Zeit ist.

Unsere“ Afrikaner leben im „Hier und Jetzt“, machen sich wenig Gedanken über das Morgen, planen nicht und lassen den Tag erst einmal passieren. Sie haben eine unbändige Gottgläubigkeit, die ihnen in dieser schweren Situation zugute kommt. Sie wirken selten unglücklich sind fröhlich bei der Arbeit dabei, besitzen viele kreative Fähigkeiten und wenig Scheu.

Und planen? Was gibt es zu planen, sie haben keine Arbeit, wissen nicht wie lange sie bleiben können. Sie werden mittlerweile von der Tafel und einigen Ehrenamtlichen aus der Gruppe versorgt und leben in einem entwidmetem Pfarrhaus in Frankfurt Schwanheim.

Aber diese „Rundumversorgung“ hat auch ihre Kehrseite: Das eigene Engagement erlahmt, die Selbstinititaive verkümmert. Und so erleben wir öfter, dass nur die Hand aufgehalten wird. Das setzt bei den Migranten-Frauen, die schon länger in Deutschland leben großen Unmut frei: „Als ich 1972 nach Deutschland kam, habe ich gearbeitet und bekam nichts vom Staat oder anderen Institutionen.“ Venera kommt aus Trinidad-Tobag. Sie hat Vorfahren in Nigeria, dem Land, aus dem die meisten „unserer“ Afrikaner kommen. Afrikaner sind faul! Erst ein genauer Einblick in die momentan aussichtslose Lage der Männer besänftigt sie. Ihre Haltung bleibt aber vorsichtig.

Für die Afrikaner bedeutet die Teilnahme an einer Theatergruppe ungeheuer viel. Die Gruppe ist ein „Anker“, ein wöchentliches Treffen, Begegnung mit Menschen die auch ein Migrationsschicksal haben, Kontakte mit Menschen, außerhalb ihrer Unterbringung, Kontakte mit Deutschen, die Sprache und gesellschaftliche Topoi vermitteln.

Bereitwillig und stolz haben die Frauen und Männer einen „Erinnerungskoffer“ erstellt: Andenken an zuhause, ein Talismann, ein Kuscheltier und eine damit verbundene Geschichte, Erzählungen von der Familie und ihrem Heimatland. Die Hintergründe warum sie ihr Land verlassen haben. Vielfältig , aber meist wurden sie von ihren Familien geschickt, um in Europe zu arbeiten. Die Söhne, die jungen Ehemänner. Dazu einen „Deutschlandkoffer“ für die Zukunft. Wie soll die Zukunft in Deutschland aussehen. „Hier bleiben und arbeiten.“ Wie lange? Alles offen. Die meisten Afrikaner haben Frau und Kinder zuhause.

Wir reden in verschiedenen Sprachen, die Afrikaner sprechen ein unverständliches englisch, die Migrantinnen können kein englisch und so muss alles übersetzt werden. Schwer wird es als ein Afrikaner straffällig wird und ins Gefängnis muss. Es entstehen kaum regulierbare Emotionen bei der Frage, wie diese Straftat einzuschätzen ist. Seine Mitafrikaner sind wütend und fühlen sich verraten: „Nun werden wir abgeschoben.“

Wir stoßen an unsere Grenzen und es entstehen Ängste. Ängste sich auf einen offenen Prozess eingelassen zu haben, den wir nur bedingt regulieren können. Angst vor der Auseinandersetzung mit Behörden und Gesetzen. Wenig Hoffnung dass es reale Perspektiven gibt. Auch unser Vertrauen ist auf dem Prüfstand: was können wir glauben, was nicht. Und dazu das Gefühl überfordert zu sein.

Wir müssen erkennen, dass diese Unsicherheit sich nicht nur bei den Außenstehenden befindet, sondern auch im eigenen Denken, in den eigenen Reihen, in unserer Gruppe, in der Gemeinde und der Nachbarschaft. Unser Engagement ist immer wieder geprägt von Ungeduld, Überforderung und Unverständnis. „Das habe ich mir leichter vorgestellt!“

Und deshalb machen wir weiter. Neun lange Monate ein Wechselbad von wunderbaren Begegnungen und Grenzerfahrungen. Ein Fundus von Erählungen aus Ländern und Kulturen, die wir lediglich als Kurzmeldung aus den Medien kennen. Besonders, wenn wir etwas gemeinsam tun, singen, tanzen oder eine Szene erarbeiten entsteht ein kreatives, multikulturelles Miteinander und ein reger Austausch über all unsere kulturellen Unterschiede hinweg. Wir nehmen uns gegenseitig an und gestalten in einem gemeinsamen Prozess. Alle empfinden das als eine große Bereicherung.

Eine gelungene Aufführung im November zu den Interkulturellen Wochen 2014 , ein reger Austausch mit Besuchern, Interessierten und der Presse, vielen Menschen aus der Flüchtlingsarbeit und Studenten, geben uns allen das Gefühl etwas Wichtiges zusammengebracht zu haben.

Fazit:

Wer mit Flüchtlingen arbeitet, erlebt Freude und Gastfreundschaft, Mitgefühl und Faszination vor dem Fremden. Das führt nicht selten dazu, dass man „der Retter“ sein will, aber verbunden mit einen hohen Grad an Anpassung.

Wer mit Flüchtlingen arbeitet erlebt Konflikte in der eigenen Gruppe, Konflikte mit gesetzlichen Regelungen, Frustrationen über unterschiedliche Gepflogenheiten.

Wer mit Flüchtlingen arbeitet erlebt Misstrauen und Ängste, Unsicherheiten, Überforderung und Unverständnis für Menschen fremder Kulturen.

Wir bemerken: unser Verhältnis zu Fremden ist ambivalent. Zur Faszination gesellt sich die Angst, zur Zusammenarbeit die Ungeduld, zur Gastfreundschaft das Gefühl ausgenutzt zu werden. Dieser Ambivalenz sollte man sich immer wieder bewusst werden, da man in dem langen und schwierigen Prozess der Flüchtlingsarbeit einen „langen Atem „braucht.

Aber auch das Verhältnis „der Fremden“ zu uns ist ambivalent. Viel Ungewohntes, viele Anpassungsleistungen und Hineinfinden in eine wenig vorhandene soziale Struktur verunsichert und rüttelt an der eigenen, meist gebrochenen Identität. Entschlüsse zu gehen wurden meist schnell gefasst.

Christa Hengsbach, Nov.2014

 

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