Postdramatisches Theater

von Bianca Richard

  • Durch die Loslösung vom literarischen Theater, hat das Postdramatische Theater einen neuen Raum geschaffen, in welchem Zeichen, Körper, Stimme, Raum und Zeit verändert hervortreten
  • Der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann gilt mit seinem 1999 veröffentlichte Monographie mit dem Titel „Postdramatisches Theater“ als Vorreiter
  • Er vollzog nicht nur die Loslösung vom Text (dramatischen Theater) sondern er prägte auch die Einflüsse aus Bildender Kunst und Performance auf die neue Form des Experimentierens
  • Hinzu kommen die Aktualität der Themenauswahl im Postdramatischen Theater
  • Dadurch werden die Rezipienten gezwungen sich mit sich selbst, im Kontext dieser Themen auseinander zu setzen
  • Die Aufführung wird zur Performance
  • Postdramatischer Zeichengebrauch nach Lehmann:
    • NON – Hierarchie Abwenden von gewöhnlichen Theaterstrukturen
    • Spiel mit der Dichte theatraler Zeichen, z.B. Aushalten von Stille
    • Musikalisierung als Sprachenersatz, auch durch Toneinspielungen
    • Körperlichkeit – als Ort des Geschehens der Geschichte
    • Einbruch des Realen – Unterscheidung zwischen Fiktiven und Realität fällt schwer
    • Ereignis/Situation haben einen aktuellen Bezug – Theater begreift sich als Ort sozialer Situation
    • Als Folge verschwimmen die Grenzen zwischen Tanz, Theater, Performance, und Installation

Text – Sprache – Schrift

Im Mittelpunkt der Inszenierung steht kein literarischer Text/Drehbuch, sondern Textmaterial aus den Medien, Interviews, Liedtexte oder persönlichen Geschichten/ Aussagen der Darsteller*Innen selbst.

Die Bedeutung des Gesprochenen steht dabei im Vordergrund. Die Mittel der Sprache: Stimme, Atmung, Rhythmus, etc. treten dabei in den Hintergrund. Das Sprechen selbst wird aufgeführt. Die Muttersprache der Darsteller*Innen spielt eine große Rolle.

Das scheinbar Unperfekte/ Unprofessionelle wird im Kontext der Bühne Professionell.

Hinzu kommen noch Mittel der elektronische Tonaufnahmen.

(Der Regisseur arbeitete mit seiner eigenen Lebensgeschichte, als Mittel der Hierarchie-Auflösung. Dadurch entstand ein kollektiver Arbeitsprozess in welchem die Grenzen zwischen Regie, Dramaturgie, Darsteller*In verschwommen sind.

Bsp: die Tonaufnahme des Asylgesetzes bietet den Einstieg in die Biografien der Darsteller*Innen.)

Körper – Körperlichkeit

Der Körper wird ähnlich wie die Stimme in seiner eigentümlichen Art dargestellt. Diese Einzigartigkeit des Körperlichen wird im postdramatischen gern mit den Mitteln des

(Ausdrucks-)Tanzes dargestellt. Im tänzerischen Prozess können die Darsteller*Innen Energien artikulieren, Emotionales Erleben und Teilen. Außerdem findet eine Kommunikation mit den Rezipienten statt. Aus Körpergesten und Alltagshandlungen wird Realität.

Der Tanz ist nicht mehr auf ideale Körper, Einheit und Harmonie ausgerichtet.

Der Körper wird zu einem Unverwechselbaren Unikat.

(Als schutzlose Kontaktaufnahmen wurden Szenen hervorgebracht wo die Rezipienten zum Tanz aufgefordert wurden, die Darsteller*Innen tanzten oder auch konkret eine Umarmung erleben konnten.)

Darsteller*Innen

Die Darsteller*Innen treten weniger als Schauspieler*Innen auf, sondern als Performer*Innen. Dabei geht es nicht darum „SO-TUN-ALS-OB“, sondern um die Darstellung der Realität, ihrer Wirklichkeit.

Dabei wechseln die Darsteller*Innen häufig die Rollen und nehmen andere ein. Z.B. Tänzer*Innen, Sänger*Innen, Schutzsuchende; Helfende; etc. Auch Verfremdung durch Tausch von Geschichten erfolgt.

Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen Regie, Dramaturgie, Darsteller*In. Das Arbeiten erfolgt im Kollektiv.

Es geht dabei nicht um professionelles Schauspielen sondern um Laien („Alltagsexperten“), welche Schauspielern, im professionellen Kontext.

Somit erleben Darsteller*Innen und Rezipienten das Theater als sozialen Ort von Wirklichkeit und Erfahrung.

(Als wesentlicher Aspekt der Inszenierung tritt die eigene (Flucht-)Geschichte und die Heimat in den Vordergrund. Beispielsweise erzählt ein junger Mann die Geschichte seiner Flucht im Kontext zu einer deutschen Frau, welche einem Schutzsuchenden hilft, und dadurch ihrem eigenen Alltag entfliehen versucht.)

Literatur

Lehmann, Hans-Thies (2005): Postdramatisches Theater. 3.Aufl., Frankfurt am Main: Verlag der Autoren.

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